Mutlos und analfixiert.
Wer nicht bei den Topagenturen arbeitet, muss sich in der Regel mit dem ganzen Mittelmaß an Kunden und Marken zufrieden geben. Das dürfte auf die Meisten von uns aus der Branche zutreffen.
Das allein ist nicht schlimm, nur die Tatsache, dass diese „Mittelklassen-Kunden“ immer häufiger darüber reden, sie müssten jetzt auch mutig und anders sein.
Im selben Atemzug korrigieren sie dann in der zehnten Layoutversion in der Nachkommastelle herum – was nicht gerade etwas mit dem selbst eingeforderten Mut zu tun hat. Ich frage mich dann immer, für wen sie diesen massiven „Korrekturfetisch“ entwickeln. Sicher nicht für die Verbraucher, denn die achten selten auf die zehnte Nachkommastelle. Bleibt nur für den Vorgesetzen, die Partnerin oder Partner oder für sich selbst. Letzteres scheint mir die häufigste Ursache für diesen pedantischen Zwang, den Freud als „Analfixiertheit“ bezeichnen würde. Gerne eingeleitet mit dem Satz „n=1, aber ich finde…“
Ist es nicht geradezu volkswirtschaftlich verheerend, dass Kunden wie diese eine ganze Mannschaft von Agenturleuten damit beauftragen, an Layouts solange herum zu sezieren bis sie den eigenen Vorstellungen entsprechen. Layouts, die auf diesem Weg zu Anzeigen mutieren, versickern in der Regel im Nichts; sie werden entweder gar nicht wahrgenommen oder im besten Fall für 1,7 Sekunden betrachtet – ohne, dass etwas hängen bleibt.
Nicht nur schade um das rausgeschmissene Geld, sondern auch schade, dass volkswirtschaftlich betrachtet überhaupt kein Wert entstanden ist: Keiner hat die Anzeige gesehen, keiner der Macher identifiziert sich damit – außer der Kunde, für den sie gemacht wurde – und kein Verbraucher wird dadurch jemals seine Einstellung zu einer Marke oder einem Produkt ändern.
So werden durchschnittliche Kunden immer durchschnittliche Kommunikation für durchschnittliche Marken machen und dabei immer davon träumen, mal etwas Mutiges zu machen. Etwas, dass ganz anders ist. Dummerweise sitzen solche Kunden in spätestens zwei bis drei Jahren wieder woanders. Wo sie dann wieder Durchschnitt verantworten. Also warum aus der Reihe tanzen, wenn der Erfolg hierzulande oft darin besteht, sich einzureihen.
Deshalb: Liebe Mittelmaß-Kunden, bitte entmutigt uns Agenturleute doch nicht noch mehr, in dem ihr von Mut sprecht und Durchschnitt meint. Das frustriert und nervt.
Überlegt euch vielmehr, ob ihr überhaupt Werbung braucht, wenn ihr alles daran setzt, dass sie nicht auffallen soll. Oder ob ihr das Geld nicht lieber sinnvoll spendet oder besser in ein Seminar investiert. Zum Thema hätte ich da schon einen Vorschlag: „Mut zur eigenen Courage“.
PS Kennt jemand einen Fall von mutiger Werbung, die einer Marke nicht geholfen hat? Ich kenne nur den umgekehrten Fall: Langweilige Durchschnittswerbung, die keinen weiterbringt. Oder Werbung, die allen gefallen will und am Ende niemanden begeistert.
LarsLennox
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am Februar 19th, 2008 um 15:34
Lars – Du hast recht. Und ein Teil der Misere ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass jeder dahergelaufene Kunde glaubt, kreativ zu sein. Schließlich hat ja schon sein Drittklässlersohn eine Bildbearbeitung auf dem Handy – da kann dann Artwork ja wohl nicht so schwer sein. Und schreiben kann ja eh jeder Gebildete. So werden schlaue Kommentare und Vorschläge abgelassen, die die Werbewelt nicht braucht. Kunden müssen heute unbedingt zweierlei lernen: Respekt und Vertrauen zu haben. Ihrem Herzchirugen geben sie ja auch keine duften Tips. Wenn das beherzigt wird (um mal beim Thema zu bleiben), wird die Werbung auch wieder besser.
am Februar 20th, 2008 um 00:21
Guter Punkt.
Vertrauen und Respekt muss man sich erarbeiten. Frage ist nur wie. Topagenturen haben es da besser. Sie haben erfolgreiche Cases, aber auch eine gesunde Portion Arroganz. Die meisten Agenturen in der Mittelklassen-Liga haben weder das eine noch das andere.
Man braucht also gute Cases. Nur wie schafft man gute Cases mit Mittelklassen-Kunden und Mittelklassen-Marken, die zwar Mut fordern, aber Durchschnitt meinen?
“Try harder “ist sicherlich eine gute Voraussetzung für Mittelklassen-Agenturen, kann aber auch schnell in Richtung Zynismus kippen. Nämlich dann, wenn Mittelklassen-Kunden mit scheinbar mutigen Parolen nichts anderes machen als den Durchschnitt zu zementieren. Damit halten sie vor allem Mittelklassen-Agenturen auf Mittelklassen-Niveau. Das demotiviert und erinnert permanent an die eigene Misere. Ein Teufelskreis?
am April 25th, 2008 um 10:59
Sehr schön geschrieben
die Geschichte mit der Analfixierung. Ist was dran. Man kann aber gegensteuern, indem man solche Kunden, die eben wenig Ahnung von Werbung haben, “erzieht”. Dazu gehört eine gute Mischung aus konsequentem Engagement und gesundem Selbstbewusstsein. Man MUSS ja nicht jeden Schwachsinn mitmachen. Und solche Millimeter-Diskussionen eben auch nicht. Man muss auch nicht immer gleich reagieren, wenn ein Bedenkenträger die Stirn runzelt.
Es gilt aber zu unterscheiden: Ist es Unsicherheit? (Dann hat es die Agentur versäumt, den Kunden mit ins Boot zu holen.) Oder ist es eine Profilneurose, die zu solchen Millimeter-Orgien führt? In diesem Fall reicht es oft, eine Zwischenrechnung zu stellen, damit der Kunde wieder funktioniert. Die Millimeter-Fetischisten sind nämlich in der Regel Subalterne, die nicht soooo viel zu sagen haben und sich ersatzweise an der Agentur austoben. Und die werden auch daran gemessen, wie viele Kosten sie produzieren…
Entscheider verzetteln sich und ihr Budget nicht mit solchem Kleinkram.
In der Regel sind Kunden für Effizienz und gesunden Menschenverstand auf Agenturseite doch eher dankbar. Meine Erfahrung.
Straffe Grüße
am Dezember 17th, 2009 um 06:41
“volkswirtschaftlich betrachtet überhaupt kein Wert entstanden ist: Keiner hat die Anzeige gesehen, keiner der Macher identifiziert sich damit – außer der Kunde, für den sie gemacht wurde – und kein Verbraucher wird dadurch jemals seine Einstellung zu einer Marke oder einem Produkt ändern.”
Hihihi, die Analfixierung habt hier wohl ihr! Die Werbewirtschaft KANN volkswirtschaftlich ueberhaupt keine Werte schaffen (insb. da die oben genannten volkswirtschaftlich gesehen ueberhaupt keine Werte sind)!!! Die Werte haben die Menschen geschaffen, die das Produkt herstellen und die, die die Maschinen gekauft haben! Ihr seid nur die Handelsvertreter die den Scheiss an den Mann bringen in dem sie Wege finden wollen moeglichst hintergruendig zu manipulieren.
Und das mit einer solch mittelmaessigen Arroganz! Kein Wunder dass ihr deprimiert seid. Es ist nicht die Mittelmaessigkeit der anderen!